Katharina II

 

(Auszug)

Zerbst, den 12.07.1993

 

Erich Hänze ┼, Ehrenbürger der Stadt Zerbst und Mitglied des Internationalen Fördervereins „Katharina II.“ e. V.

 

Eine zeitgemäße Auseinandersetzung mit unserer nationalen und internationalen politischen Geschichte erfordert eine differenziertere Analyse historischer Vorgänge, als es bisher oftmals auf sehr pragmatische Art und Weise geschah. Hierbei spielen nicht nur die Jahreszahlen, sondern auch bedeutende historische Persönlichkeiten eine große Rolle.

Aus dem großen Kreis berühmter Persönlichkeiten in der tausendjährigen Stadt Zerbst ragt die Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst weit heraus. Nicht nur ihre spätere Stellung als russische Zarin rechtfertigt unser heutiges Interesse an ihrer Person, sondern ihre vielseitigen Leistungen auf den Gebieten der russischen Literatur, Erziehung und Bildung. Bedeutend war auch ihre richtungweisende Förderung der Architektur und der bildenden Künste wobei stets zu bedenken ist, dass diese Leistungen in einer Zeit vollbracht wurden, in der den Frauen die Bestätigung von den Männern oft streitig gemacht wurde. Als die junge Prinzessin von Anhalt-Zerbst in geheimer Mission nach Russland kam, hatte sie schon eine anstrengende Ausbildung absolviert.
Die Lebensumstände an den kleinen deutschen Fürstenhöfen waren oft nicht so, wie sie in den Geschichtsbüchern dargestellt werden und noch in den Vorstellungen der heutigen Generationen leben. Infolge der Erkenntnis, dass nur überdurchschnittliche Leistungen den durch Geburt erworbenen Stand in der Gesellschaft auf lange Sicht erhalten konnten, bemühte sich das Fürstenpaar von Anhalt-Zerbst um eine vielseitige und gründliche Ausbildung seiner Tochter Sophie.

In den 17 Jahren, die zwischen ihrer Ankunft in Russland und ihrer Krönung als Zarin dieses Reiches lagen, versuchte sie, ihr Wissen auf vielen Gebieten zu erweitern und sich selbst schöpferisch zu betätigen.

Außer der Aneignung von Fremdsprachen, die es ihr erlaubten, mit den Diplomaten in deren Heimatsprachen zu verhandeln, lag ihr vor allem daran, die russische Sprache und die volkseigene Mentalität der Russen kennenzulernen. Zeitgemäße Berichte zeugen von der Beliebtheit der aufgeführten Theaterstücke, die Katharina II. aus dem Englischen (Shakespeare) in die russische Sprache übersetzte und durch gezielte Veränderungen dem russischen Theaterbesucher verständlich machte. Infolgedessen wurde Katharina II. auf einem in Meißen gefertigten Medaillon als Schriftstellerin dargestellt.

Die langjährige Bevormundung und ständige Beobachtung ihrer Person durch die russische Kaiserin Elisabeth lassen in Katharina am Anfang ihrer Regentschaft große kreative Kräfte frei werden. Selbst im engsten Familienkreis möchte sie ihre „verlorenen Jahre“ und damit persönliches Glück zurückerobern.

Ihr Bemühen um die Kleidung, Erziehung und Bildung ihres Enkels Alexander regte weite Kreise an, über diese Dinge nachzudenken. Wie hier im Kleinen, versuchte sie im großen politischen Weltgeschehen an die Vorstellungen von Peter I. anzuknüpfen, um außenpolitisch das weite Russland in die Wertstellung zu bringen, die es als europäische Großmacht verdiente. Doch dies wäre nur möglich gewesen, wenn Russland die Errungenschaften der aufgeklärten Kreise Europas übernommen und seinen Verhältnissen angepasst hätte.

Katharina II. ward nicht müde, Künstler, Wissenschaftler, Politiker, begabte Handwerker und Bauern in ihr Reich zu holen. In diesem Zusammenhang ergaben sich enge Verbindungen zu Zerbst und Halle.

Der 1750 vollendete Bau des neuen Schlosses in Dornburg an der Elbe nach dem Entwurf des gebürtigen Zerbster Baumeisters J. Stengel und die Errichtung der Dornburger Dorfkirche bewegten Katharina II., diesem fähigen Mann eine Stellung als „Kaiserlicher Russischer Hofarchitekt“ anzubieten. Obwohl Stengel mehrmals ablehnte, gab Katharina nicht auf und setze ihr Bemühen so lange fort, bis sein ältester Sohn ihr Angebot annahm.

Sehr schnell erkannte Katharina den Mangel an einer gebildeten Mittelschicht in Russland, die in der Lage gewesen wäre, die Leitung in der gewerblichen Wirtschaft zu übernehmen , um den sich schon anbahnenden Übergang von der rückschrittlichen Handwerkelei zu einer industriellen Fertigung fortzuführen.

Die Wirtschaftskraft des Russischen Reiches beruhte auf einer traditionsgebundenen überalterten ländlichen Gutswirtschaft und auf einem mehr oder minder leistungsfähigen Potential von Einzelunternehmen, deren Endprodukte hauptsächlich Holzwaren und Pelze darstellen. Um eine Basis für die Weiterentwicklung der russischen Wirtschaft zu schaffen, schickte sie auf Staatskosten junge begabte Russen zu einem Studium nach Leipzig. Aus diesem Kreise erwuchsen ihre größten Widersacher.

Ein Beispiel für die Belebung der russischen Wirtschaft war die Gründung der Moskauer Porzellanfabrik.

Der zunehmende Widerstand des russischen Landadels und anderer Kräfte haben manche Projekte Katharinas scheitern lassen.

Oft haderte diese imposante Frau mit sich und ihrem Schicksal, klagte, wie schwer es wäre, ein solch großes Reich mit so vielen Gegensätzen zu regieren. Ein Phänomen, das wieder im 20. Jahrhundert zutage kommt, da sich ihr einstiges Reich in bürgerkriegsähnlichen Zuständen auflöst.

Das Andenken an diese ungewöhnliche Frau im Männerkreis der Politiker sollte für die Stadt Zerbst stets eine verpflichtende Aufgabe bleiben.

Zu dem menschlichen Gefühlsleben gehört es auch, materiell fassbare Gegenstände mit dem geistigen Andenken an ein Ereignis oder eine Person zu verbinden. Der Wunsch, in Zerbst ein sichtbares Zeichen für das Leben und Wirken Katharinas zu haben, ist daher völlig verständlich.

Trotz aller Zeitgeschehnisse sind noch materielle Zeugen aus Katharinas Zeiten vorhanden.

Eng mit ihrer Familie ist die Trinitatiskirche in Zerbst verbunden, nicht nur als Glaubenskirche für die fürstliche Familie, sondern auch als Ruhestätte der Angehörigen.

Die klassizistische Kirche in Dornburg/Elbe ist die noch existierende Verbindung über Johanna Elisabeth von Anhalt-Zerbst und Joachim Stengel zu den Vorstellungen Katharinas zum Umbau von Zarskoje Selo und damit zum Alexanderpark und Schlosslyzeum.