Abreise nach Russland

 

Am 10. Januar 1744 begann die abenteuerliche Reise von Zerbst nach Petersburg. Wegen der angeordneten Geheimhaltung des Reisezieles war das Gefolge sehr klein. Sehr dürftig war auch Sophies Ausstattung an Kleidungsstücken.

In Berlin wurde die Zerbster Fürstenfamilie von Friedrich II. empfangen. Sophie erfuhr von ihm besondere Beachtung.

Von Berlin reiste man weiter nach Schwedt, wo sich die Familie trennte. Der Vater setzte seinen Weg in Richtung Stettin fort. Der Abschied vom Vater, den Sophie nie wieder sah, fiel ihr äußerst schwer. Er gab ihr noch etliche Instruktionen, für ihren weiteren Lebensweg am russischen Hofe mit. Mutter und Tochter fuhren weiter nach Stargard.

Am 18.1.1744 trafen die beiden Frauen in Stargard ein. Nach kurzem Aufenthalt setzten sie die Fahrt über Körlin (Karlino) nach Köslin (Koszalin) fort.

Dort waren bereits Briefe für die Gräfin Reinbeck – unter diesem Namen reiste die Zerbster Fürstin -wegen der angeordneten Geheimhaltung. Fürst Christian teilte seiner Frau chiffriert mit, daß es in Stettin Aufsehen erregt hatte, daß er von Berlin nach Stettin über Schwedt reiste, die unterschiedlichsten Vermutungen darüber würden angestellt, und Fürst Christian wollte deshalb die Wahrheit über diese mysteriöse Reise bekanntmachen.

Johanna Elisabeth versuchte, eine Gefahr abzuwenden, indem sie sofort zurückschrieb. Die Bekanntgabe solle mindestens solange zurückgehalten werden, bis man preußisches Gebit verlassen habe. Trotz aller Geheimhaltung hatte Friedrich II. dafür gesorgt , daß stets ausreichend Pferde zur Verfügung standen. Die Reise ging Tag und Nacht in Richtung Osten weiter.

Über Schlawe (Slawno) und Stop (Slupsk) führte der Weg Sophie und ihre Mutter nach Mewe (Gniew). Kurz vor Mewe warteten in der Dunkelheit etliche Wegelagerer auf die Kutsche. Aber tags zuvor waren von der Garnison Marienwerder (Kwidzyn) einige Reiter in Richtung Stolp unterwegs. Diese konnten Schlimmes verhindern, so daß man Mewe am 23. Januar passieren konnte.

Weiter führte der Weg der Zerbsterinnen nach Königsberg. In Königsberg weilten sie drei Tage zur Rast. In so mancher Korrespondenz an ihren Gemahl beklagte sich Johanna Elisabeth über die meist unkomfortablen Unterkünfte und die Reisestrapazen. Am 29. Januar brach man nach Memel (Kleipedia) im mangelhaft gefederten Schlitten auf, dies war sicherlich alles andere als vergnüglich. Am 5. Februar war Station in Mitau ( Jelgava). Dieses Gebiet gehörte nicht mehr zu Preußen.

Das Inkognito konnte gelüftet werden. Ein russischer Offizier empfingt die Reisenden.

In Begleitung einer russisch-keiserlichen Eskorte fuhren sie gen Riga weiter. Bollerschüsse waren am 6. Februar anno 1744 in Riga anläßlich des Empfanges der Zerbster Fürstinnen durch den Kammerherrn Naryschkin im Auftrage der russischen Kaiserin Elisabeth I. zu hören. Ein kostbarer Zobelpelz und eine bequemere Weiterreise der Damen im kaiserlichen Schlitten sollten Fieke und ihre Mutter für die anstrengende Reise vorerst entschädigen. Fortan gehörte ein größeres Gefolge zur Zerbster Reisegesellschaft.

Sophies Mutter beschrieb es folgendermaßen:

„ 1. eine Abteilung des holsteinischen Regiments, mit einem Kürassierleutnant des Korps Ihrer Kaiserlichen Hoheit;

  1. der Kammerherr, Fürst Naryschkin;
  2. ein Stallmeister;
  3. ein Gardeoffizier aus dem Ismailowski – Regiment, der die Funktion eines diensttuenden Kammerherrn hat;
  4. ein Haushofmeister;
  5. ein Konfiseur;
  6. ich weiß nicht, wieviele Köche und Kochgehilfen;
  7. ein Kellermeister mit seinen Gehilfen;
  8. ein Mann, der Kaffee kocht.......

.........Unter den Schlitten befindet sich einer, der Les` Linges` heißt; er ist scharlachrot, mit Silber verputzt und von innen mit Marder gefüttert. Die Matratzen sind aus Seide, die Decken aus dem gleichen Stoff, darüber breitet sich noch die Decke, die mir mit den Pelzen zugesandt wurde......

Meine Tochter und ich konnten ausgestreckt in diesem Wagen liegen“. (K. Waliszewski: Katharina II. von Rußland. Roman einer Kaiserin, Paul-List-Verlag, Leipzig 1928, S. 23 f. )

Als die Damen Einzug in Petersburg hielten, war Elisabeth mit ihrem Hofstaat bereits nach Moskau abgereist. Noch vor dem Geburtstag des Großfürsten Peter am 20. Februar mußten die Deutschen in Moskau sein, sonst würde die Kaiserin etwaige Verspätungen als Beleidigung auffassen. Der Zerbster Reisegesellschaft blieb nichts anderes übrig, als am 17. Februar nach Moskau zu reisen. Noch am Vorabend des Geburtstages des Großfürsten erreichten sie Moskau.

Ungefähr drei Stunden nach ihrer Ankunft, gewährte Elisabeth I. Sophie und deren Mutter eine erste, kurze Audienz. Sehr angetan war Sophie von der majestätischen Erscheinung Elisabeths.

Der Luxus und der Pomp am russischen Zarenhof waren so recht nach dem Geschmack Johanna Elisabeths. Die Zerbsterinnen bekamen einen eigenen Hofstaat, prächtige Schlitten und Kutschen, zahlreiche Bedienung. Doch die beiden Frauen bedurften nach der weiten Reise erst einmal der Ruhe.

Nun war für Sophie die Zeit gekommen, sich ernsthaft mit den Grundsätzen der russisch-orthodoxen Kirche bekanntzumachen. Als künftige Großfürstin von Rußland mußte sie konvertieren, denn in dieser Stellung und auch in ihrer späteren als Zarin war eine Vertreterin des lutherischen Glaubens undenkbar! Der Glaubenswechsel wurde am 9. Juli 1744 vollzogen. Bei der anschließenden Kommunion erhielt Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst den Namen Jekaterina Alexejewna. In der Uspenski -Kathedrale des Moskauer Kreml erfolgte am nächsten Tage die Verlobung mit dem Großfürsten Peter. Nach dieser Zeremonie erhielt Katharina den Titel einer „Großfürstin“. Als Katharina sich in Rußland etwas besser eingelebt hatte, faßte sie den Entschluß:

  1. dem Großfürsten zu gefallen,
  2. der Kaiserin zu gefallen,
  3. der Nation zu gefallen.

Ihren Memoiren nach zu urteilen, unterließ sie nichts, diese Punkte zu erfüllen. Inwieweit Katharina ihr Vorhaben realisieren konnte, ist aus ihrem weiteren Leben ersichtlich. Nicht alles, was unerreicht blieb, ist ihr persönlich anzulasten. Vielfach waren die Verhältnisse noch nicht herangereift, tiefgreifende Veränderungen und Reformen im Russischen Reich durchzusetzen.

Seit dem Teilungsvertrag vom 30. 6. 1603 gab es in Anhalt vier Fürstentümer: Anhalt Bernburg, Anhalt Köthen, Anhalt Dessau und Anhalt Zerbst. Zum letzteren gehörten die Ämter Zerbst, Lindau, Roßlau, Koswick, Walternienburg sowie die Exklaven Amt Dornburg und Amt Mühlingen.

Nach dem Aussterben der Zerbster Linie mit Friedrich August (1793), dem Bruder Katharina II., wurde Anhalt-Zerbst am 28. 12. 1797 auf die verbleibenden drei Fürstentümer aufgeteil.

Erst 1863 wurde unter Herzog Leopold Friedrich Anhalt wiedervereint. Hauptstadt wurde Dessau, die Sommerresidenz Ballenstedt.