Kleine Prinzessin

 

Geboren wurde Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst am 2.Mai 1729 in Stettin als Tochter des ehemaligen Festungskommandanten Fürst Christian August von Anhalt-Zerbst-Dornburg, der in Diensten des preußischen Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I stand. Gemäß den Vorstellungen jener Zeit wünschte sich das Fürstenpaar einen Stammhalter,um so beschämender empfand es Sophies Mutter, Fürstin Johanna Elisabeth, eine geborene Prinzessin von Holstein-Gottorp, daß sie nur ein Mädchen gebar. Dagegen war der Vater zufrieden. Fürst Christian August von Anhalt-Zerst war ein ernster Mann von großer „Sittenstrenge“ (Katarina II., Memoiren, Insel-Verlag, Leipzig, 1990, Bd. 2, S. 12), außerdem äußerst sparsam. Fürstin Johanna Elisabeth bildete das Pendant zu ihrem Gemahl. Das Haus Holstein-Gottorp, dem sie entstammte, besaß im damaligen Deutschland wesentlich größeren Einfluß als das Zerbster Fürstenhaus. So fühlte sich Johanna Elisabeth, 22 Jahre jünger als ihr Ehegatte, in der „großen Welt“² (ebd. S. 12 ) wohl, war oftmals oberflächlich und verschwenderisch.

Die Erziehung ihrer Tochter überließ die Fürstin mehr oder minder pädagogisch begabten Gouvernanten, dies entsprach durchaus den damaligen Gepflogenheiten des Adels. Um so intensiver kümmerte sich Johnanna Elisabeth um ihren Sohn, der 1 1/2 Jahre nach Sophie geboren wurde. In jener Zeit spürte die kleine Fieke, wie Sophie genannt wurde, die ungerechtfertigte Zurücksetzung durch die Mutter; zumal der Bruder stets kränkelte und deshalb in besonderer Weise seiner Schwester vorgezogen wurde.

Die erste Erzieherin von Sopie war gleichzeitig die Gesellschafterin der Fürstin Johanna Elisabeth. Allerdings fand diese nicht den richtigen Zugang zu dem Kinde. Ohne ersichtlichten Grund wurde Sophie oftmals laut und barsch gescholten. Sophie war gerade 2 Jahre alt, da bekam sie eine französische Emigrantin als Erzieherin zur Seite gestellt. Diese lehrte der jungen Prinzessin frühzeitig die Kunst der Verstellung und des Heuchelns, um den Eltern, in erster Linie natürlich der Mutter, so gegenüberzutreten, wie diese es wünschte.

Als diese Gouvernante heiratete, übernahm deren Schwester Babet Cardel die weitere Erziehung von Sophie.

Endlich hatte Sophie einen Menschen gefunden, der ihr von ganzem Herzen zusagte, „daß man nur allen Kindern jemand wie sie wünschen könnte“³(ebd. S. 6)

Durch Babet Cardel wurde Fieke mit der französischen Sprache, Literatur und Lebensart bekannt. Als „ großem Mädchen“(ebd. S. 10 ) war es ihr im Alter von sieben Jaren verboten worden, mit Puppen zu spielen. Neben dem Unterricht in Religion, Geschichte und Geographie erhielt sie auch Unterweisungen in Musik und Gesang, die sich als vollkommen unnütz erwiesen.

In ihren Memoiren ist zu lesen, „Musik ist für mein Ohr selten mehr als ein Geräusch“ (ebd. S. 12). Die junge Fürstentochter interessierte sich sehr für die griechisch-orthodoxe Kirche, die ihr als die älteste christliche Kirche dargestellt wurde.

Beizeiten wurden ihre schnelle Auffassungsgabe und ihr gutes Gedächtnis bemerkt; ebenso, daß das Kind nur mit Vernunft und Freundlichkeit zu leiten war. Katharinas Bekenntnis bei späterer Betrachtung ihrer Kindheit dazu:

„Jedem Widerstand habe ich immer Widerstand entgegengesetzt“ (ebd. S. 11).

Fürstin Johanna Elisabeth hatte zahlreiche Verwandte. Sie ließ sich gern in der „grosen Welt“ sehen und reiste viel. So lernte Prinzessin Sophie Auguste Friederike, die seit früher Kindheit ihre Mutter begleiten durfte, die Höfe in Quedlinburg, Hamburg, Jever, Aurich, Braunschweig, Eutin und Berlin kennen.

Im Jahre 1740 kam es in Eutin zur ersten (rein zufälligen) Begegnung zwischen der elfjährigen Sophie von Anhalt-Zerbst und dem zwölfjärigen Herzog Karl Peter Ulrich von Holstein-Gottorp, ihrem späteren Ehegemahl und russischen Zaren Peter III. Karl Peter Ulrich war der Neffe der zu jener Zeit amtierenden russischen Kaiserin Elisabeth I., er war der Urenkel des Schwedenkönigs Karl XI. und der Enkel Peter I.

Die beiden „Königskinder“ ahnten auf dem Schloß Eutin vermutlich noch nicht, daß sie einmal heiraten und über das riesige Russische Reich herschen sollten!

Als der regierende Fürst Johann August von Anhalt-Zerbst 1742 kinderlos verstarb, gelangte die Dornburger Nebenlinie und damit Fürst Christian August und sein Bruder Johann Ludwig an die Regierung des Fürstentums Anhalt-Zerst. Noch im gleichen Jahr siedelte die fürstliche Familie von Stettin ins Zerbster Schloß um. Gelegentliche Besuche führten Sophie auch auf den väterlichen Stammsitz Dornburg an der Elbe. Dort konnte die lebhafte Prinzessin ihrem kindlichen Bewegungsdrang frönen; während Mademoiselle Cardel für kurze Zeit das gemeinsame Zimmer verließ, entschlüpfte auch Fieke ihrem „goldenen Käfig“, rannte eine breite Schloßtreppe hinunter und wieder herauf. Noch ehe die schon etwas beleibte Gouvernante zurückkam, saß Fieke wieder brav auf ihrem Platz.

Am ersten Januartage anno 1744 erreichte die Zerbster Fürstenfamilie eine folgenschwere Depesche vom russischen Zarenhof. Von Stund an sollte sich das Leben der bis dato unbedeutenden blutjungen deutschen Prinzessin, der politische Intrigen bisher fremd waren, ändern!

Der Hofmarschall des russischen Großfürsten, eben jenes Karl Peter Ulrich von Holstein-Gottorp, den Sophie in Eutin getroffen hatte, lud Fürstin Johanna Elisabeth und deren Tochter, „von der das Gerücht so viel Schönes sagt“ (Helmut Kopetzky: Katharina die Große. Ein dokumentarischer Roman, Bastei-Lübbe-Verlag, 1988, S. 41 ), an den Zarenhof ein.

Dank sagen der russischen Zarin für die vielen Gnadenbeweise gegenüber der Zerbster Fürstenfamilie – dies galt als offizieller Reisegrund, doch die schon damals weitsichtige Sophie merkte sehr schnell, das es ihre Brautreise werden und der russische Großfürst Peter ihr Gemahl werden sollte. Unverzüglich mußte diese Reise angetreten werden, dies bekräftigte ebenfalls ein Schreiben von Friedrich II. von Preußen, der als Heiratsvermittler galt, an die Zerbster Fürstin. Desweiteren war auf preußischem Gebiet äußerstes Stillschweigen über das Endziel der Reise zu wahren!

Am Petersburger Hof waren Intrigen hinsichtlich einer großfürstlichen Braut an der Tagesordnung. Der russische Kanzler Bestushew befürwortete die Vermählung des Großfürsten Peter mit der Prinzessin Marianne von Sachsen, der Tochter August II. von Sachsen und Polen. Doch der Leibarzt der Zarin L`Estacq und die Zarin Elisabeth selbst favorisierten eine Braut aus einem weniger einflußreichen Hause für den russischen Thronfolger.

So wollte Elisabeth I. jeden Versuch einer Einflußnahme künftiger Verwandtschaft auf die russische Politik von vornherein ausschließen. Nicht ohne Eigennutz beteiligte sich der Preußenkönig Friedrich II. an dieser „Brautsuche“. Er spekulierte auf ein Bündnis mit Rußland. Dabei war ihm die Tochter eines ihm ergebenen Fürsten gerade die richtige Braut.

Eigentlich wurde von der entsprechenden preußenfreundlichen russischen Partei an Friedrichs Schwester gedacht, doch der König von Preußen wollte in letzter Konsequenz eine solche Kostbarkeit nicht an den russischen Hof „verschleudern“ (Hans Jessen: Katharina II. im Spiegel der Zeitgenossen, Karl-Rauch-Verlag, 1970, S. 35 ). Johanna Elisabeth sollte auch für Friedrich II. die Mission einer Spionin erfüllen. Dieser Auftrag mißlang ihr gründlich, da sie eine Vorliebe für den internationalen Hofklatsch hatte und sich selbst im Netz ihrer Intrigen verfing.

Schnellstmöglich wurde sie nach der Hochzeit Katharinas aus deren Nähe und vom russischen Zarenhof entfernt. Sie reiste zurück nach Deutschland.